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Gesundheit

„Wir brauchen mehr Berichterstattung über Behindertensport"

Sebastian Eggert, Organisator des Paracyling-Teams des Österreichischen Radsportverbandes (ÖRV) im Gespräch mit woom über den Zustand des Behindertensports in Österreich.

Desiree Haselsteiner,
11.10.2022


Unterwegs auf dem Paracycle bei den UCI Paracycling Road World Championships in Quebec, Kanada. © SWPix.com/ÖRV


Kurz-Biografie:


Was waren deine größten Erfolge als Team Manager und Paracycling Koordinator des Paracycling-Teams?

Eggert: Mein Aufgabenbereich liegt in der Organisation von internationalen und nationalen Entsendungen, wie der österreichischen Staatsmeisterschaft, Europacup Rennen sowie Welt- und Europameisterschaften. Außerdem bin ich der Ansprechpartner für das Österreichische Paralympische Committee (ÖPC) für die Entsendungen zu den Paralympischen Sommerspielen. Ich schaffe gemeinsam mit Alexander Hohlrieder (Head Coach) den Rahmen für die Sportlerinnen und Sportler. Wir sind ein Team, doch jede Athletin und jeder Athlet ist für ihre*seine Siege selbst verantwortlich. Dafür möchten wir keine Lorbeeren ernten.

Zudem haben Alexander Hohlrieder und ich gemeinsam neue Wege eingeschlagen: Wir setzen beispielsweise auf ein Team mit jungen Athletinnen und Athleten und auf ein inklusives Trainingslager auf Mallorca mit den nichtbehinderten Sportlerinnen und Sportlern des ÖRV. Und der Erfolg spricht für sich. 

  • 6-maliger Erfolg in Tokio (1x Gold, 2x Silber, 3x Bronze)
  • WM Portugal (2x Silber, 1x Bronze)
  • Heim EM (9 Medaillen)


Sebastian Eggert, Team Manager und Paracycling Koordinator des österreichischen Paracycling-Teams. © ÖRV


woom: Seit wann gehört der Radsport zu deinem Leben und wie ist es dazu gekommen? 

Sebastian Eggert: Ich bin im August 2019 zum österreichischen Radsportverband gekommen. Ich war früher selbst Teil des Behindertensports, nämlich beim Special Needs Team von SK Rapid Wien. Ein weiterer ausschlaggebender Grund waren sicher die starken Charaktere im Paracycling-Team. Jede einzelne Sportlerin und jeder einzelne Sportler leistet Großes. Man verehrt die Athletinnen und Athleten und kann sie ohne Umschweife als Vorbild heranziehen. Als Mensch gemeinsam mit ihnen arbeiten zu dürfen, ist natürlich eine ganz tolle Sache. 



woom: Wie würdest du den aktuellen Stand des Behindertensports in Österreich beschreiben?

Eggert: 2022 hat die österreichische Bundesregierung einen großen Schritt in die richtige Richtung getan, nämlich die Inklusion im Spitzensport. Das heißt: Umgelegt auf den Leistungssport geht es darum, allen Menschen – egal ob mit oder ohne Behinderung – den gleichberechtigten und ungehinderten Zugang zum Leistungssport zu ermöglichen. Ich halte das für eine ganz wichtige Voraussetzung, um die Gleichberechtigung im Spitzensport voranzutreiben. 

Wichtig zu erwähnen ist, dass es im Hochleistungssport keine Unterschiede zwischen Sportler*innen mit und ohne Behinderung gibt. Das sind alles Vollprofis, vor denen wir nur den Hut ziehen können.

Leider ist das öffentliche Interesse am Behindertensport derzeit sehr gering. Ich denke, das liegt auch daran, dass allgemein wenig Interesse an Menschen mit Behinderung besteht und dieser Bereich gerne ins Abseits und aus dem Bewusstsein gedrängt wird. Aber nicht nur sportmäßig, sondern auch bei allgemeinen Themen, wenn es um alle möglichen Behinderungsformen geht. Da sehe ich noch sehr viel Luft nach oben. 

 


woom: In der medialen Berichterstattung kommt Behindertensport selten vor. Woran liegt das? 

Eggert: In den Medien dominieren Fußball, Formel 1 und – in Österreich – Skifahren. Randsportarten oder eben dem Behindertensport wird wenig Platz eingeräumt. Wenn aber über eine Sportart kaum berichtet wird, entsteht daran auch kein Interesse. Für Sportlerinnen und Sportler wird es dann viel schwieriger, Sponsoren zu akquirieren. Ohne Sponsoren ist es fast aussichtslos, einen Sport professionell zu betreiben. Die Sportlerinnen und Sportler sehen die Aufklärung als Teil ihres Aufgabenbereichs und das jeden Tag. 

Einen wichtigen Teilbetrag dazu müssen aber auch die Fach- und Dachverbände leisten. Die Aufgabe sollte sein, eine konsequente Berichterstattung sicherzustellen. Nicht nur temporär und bei Großereignissen wie den Paralympischen Spielen. Hier müssen wir in Zukunft mehr zusammenhelfen, um mehr Aufmerksamkeit zu generieren. 


Beim Wettkampf werden die Zähne kurz vor der Zielgeraden noch einmal zusammengebissen, wie hier bei den UEC Paracycling European Champions 2022 in Peuerbach. © Peter Maurer/ÖRV


woom: Was können Verbände leisten, um eine konsequente Berichterstattung über Behindertensport sicherzustellen?

Aus meiner Sicht gilt es, Ligasysteme zu organisieren. So kann eine langfristige Berichterstattung erst gewährleistet werden. Ich denke da an eine Paracycling-Serie in Österreich. Oder wenn wir weggehen vom Radsport, wäre es auch eine Option, eine Fußball-Liga zu gründen. So können auch regelmäßig Ergebnisse nachvollziehbar gemacht werden. 



woom: Eine Herausforderung im Behindertensport sind die Klassifizierungssysteme, also die Einstufung des Grades einer Beeinträchtigung, die Teilnehmer*innen einer Sportart in ähnliche Gruppen zusammenfassen, damit die Leistungen vergleichbar werden und Wettkämpfe fair und spannend bleiben. An diesen Klassifizierungssystemen gibt es aber immer wieder Kritik. Was ist dein Standpunkt? 

Eggert: Die Klassifizierungssysteme sind sicher eine große Ungereimtheit. Durch diese Systeme, die je nach Grad der Behinderung für jede Sportart spezifisch dargestellt werden, ist es natürlich im Interesse der Sportler*innen, ihre Behinderung als möglichst schwerwiegend zu klassifizieren, um in der jeweiligen Klasse bestmöglich eingestuft zu werden. 

Hier wird versucht, Grauzonen zu betreten, um das Beste für sich selbst herauszuholen. Diese Tendenz halte ich für problematisch: Wenn die Zuteilungen nicht stimmen, benachteiligt das Sportler*innen, die tatsächlich in diese Behinderungsklasse gehören. Das macht einen Erfolg bei Großereignissen nahezu unmöglich.


Im Team radelt es sich leichter. Zwei der österreichischen Athleten bei den UEC Paracycling European Champions 2022 in Peuerbach. © Peter Maurer/ÖRV


woom: Reden wir übers Radfahren: Wo liegt der größte Unterschied bei Paracycling-Modellen im Vergleich zu herkömmlichen Rädern?

Eggert: Im Radsport spielt die Technik eine sehr große Rolle. Im Behinderten-Radsport ist allerdings das Ausmaß der Individualisierung deutlich größer: Jedes Bike ist individuell, weil jeder Mensch unterschiedlich ist und seine Behinderung auch. Wie in allen Leistungssportarten kommt es hier auf Feinheiten an, die in langwierigen Prozessen und Testläufen adaptiert werden. Tüfteln, ausprobieren und feinjustieren sind hier ganz wichtige Erfolgsfaktoren. Nur so kann man eine Hundertstel oder Tausendstel-Sekunde schneller sein als die Konkurrenz. 

Auch die Rennanzüge müssen maßgeschneidert sein. Hinzu kommen die Schuhe, die Höhe der Absätze sowie die Clipsysteme bei Prothesen. Das Material und das richtige Setting spielt eine große Rolle, um am Schluss als Erste*r durch das Ziel zu kommen.

Das beste Material ist natürlich nur ein Faktor. Am Ende geht es um ein regelmäßiges und zielgerichtetes Training sowie den Willen und die Fähigkeit, eine Leistung jedes Mal aufs Neue abzurufen und steigern zu können.

Unsere Sportlerinnen und Sportler sind keine Übermenschen, es sind Menschen, die gewisse Rahmenbedingungen vorfinden, die vom Durchschnitt abweichen. Wie bei allen Spitzensportler*innen – behinderten und nichtbehinderten – gibt es in ihnen eine Kraft, eine besondere Motivation, über sich hinauszuwachsen und Unfassbares zu leisten. 



woom: Welche Tipps würdest du jungen Sportlerinnen und Sportlern geben, die nach einem schweren Unfall eine neue Motivation suchen? Ist der Behindertensport eine gute Alternative?

Eggert: Sport ist immer eine Alternative, um wieder auf die Beine zu kommen. Sport hilft uns einfach, fordernde Situationen besser bewältigen zu können, mit Stresssituationen besser umzugehen und ein besseres Lebensgefühl sowie Körpergefühl zu erlangen. Jene Menschen, die viel Schweiß, Disziplin, Mut und Ausdauer an den Tag legen, sind zu vielem bereit. Doch das Allerwichtigste ist die Freude an der Sache. Denn ohne Spaß wird die zunehmende Professionalisierung über eine längere Sicht zur Qual.


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