Gesundheit

BMX ohne Gehör: „Ich orientiere mich einfach an den Schatten“

BMX-Rennen fahren mit Hörbehinderung? Ja, das geht. Der 11-jährige Tim Stöckl aus Vösendorf bei Wien erzählt, mit welchen cleveren Tricks er sich auf der BMX-Bahn behauptet.

Felix Schifflhuber
Felix Schifflhuber
10/11/2022

Seit sechs Jahren trickst Tim auf dem BMX


Als er fünf Jahre alt war, kam Tim mit seinen Eltern an der BMX-Bahn seines Heimatorts Vösendorf vorbei. (BMX steht für Bicycle Motocross. Anm.) Die Bahn ist ein staubiges Gelände mit mehreren Erdhügeln und drei betonierten Steilkurven. Sie ist umgeben von Feldern, Tennisplätzen und einer Pizzeria.

„Magst du vielleicht mal mittrainieren?“, fragten ihn seine Eltern, als sie Kinder und Jugendliche beim Üben von Jumps beobachteten.

Der 5-jährige Tim schaute den Radsportler*innen eine Zeit lang zu. Spaß schien das Ganze jedenfalls zu machen. Er dachte sich: „Ich bin eh sportlich. Ich probier's einfach mal aus.“ 

Seine Entscheidung war damit gefallen. Es war der Beginn einer großen Leidenschaft

Seit damals ist Tim von der BMX-Bahn kaum wegzubekommen. Sofern es die Schule zulässt, verbringt er viel Zeit auf dem BMX und Mountainbike. Seit ein paar Jahren fährt er auch bei Rennen mit. 

Bemerkenswert ist das, weil Tim seit Geburt schwerhörig ist und deshalb ein Hörgerät braucht. Beim Sport – insbesondere beim Wettkampfsport – können Hörgeräte jedoch hinderlich sein, besonders jene für Kinder.

Denn Kinderohren wachsen noch. Ihre Geräte befinden sich nicht – wie bei den meisten Erwachsenenversionen – versteckt im Gehörgang, sondern hinter der Ohrmuschel.


Auf Wettbewerben springen Tim (im Vordergrund) und die anderen Kinder meterhoch.


Wie fährt Tim mit seiner Hörbehinderung Radrennen?


„Ich darf keine Hörgeräte tragen“, erklärt er. „Einerseits sind sie unter dem Helm unangenehm. Andererseits werden sie durch Schweiß kaputt.“

Sobald Tim den Helm aufhat, hört er also fast gar nichts mehr.

Problematisch ist das vor allem am Anfang jedes Rennens. Denn das akustische Startsignal ist für Tim kaum wahrnehmbar.

„Ich versuche zu hören und auf die Ampel zu schauen. Je nach Position muss ich dafür aber meinen Kopf zur Seite drehen. Das ist ein kleiner Nachteil, da die anderen Kinder ihren Blick im Gegensatz zu mir nach vorne richten können.“

Tim lässt sich von der Situation beim Start nicht unterkriegen. Nach dem Signal geht’s los und er tritt so schnell er kann in die Pedale. Damit er die anderen Kinder jederzeit verorten kann, wendet er eine clevere Methode an:


Während der Fahrt hört Tim nichts und achtet deshalb auf die Schatten hinter ihm.


„Auf der Bahn konzentriere ich mich nicht so sehr aufs Hören, sondern auf die Schatten der anderen. Dabei verlasse ich mich auf mein Gefühl. Wenn jemand näher kommt, merke ich gleich, wie mein Puls steigt.”

Scheint die Sonne kräftig, kann Tim die anderen Kinder mithilfe der Schattenmethode „austricksen“, wie er sagt.

Doch bei Wolken am Himmel verringert sich seine Wahrnehmung. „Nach hinten schauen geht nicht. Da wird man sofort überholt. Ich habe mal zwei Plätze verloren, nur weil ich mich umgedreht habe.“

In dieser Situation muss er sich voll und ganz auf das eingeschränkte Sichtfeld beim Kurvenfahren verlassen. „In der Kurve sehe ich den Fahrer hinter mir aus den Augenwinkeln“, erklärt er.


Die größte Herausforderung ist das Training


Seine Schwerhörigkeit stört Tim während des Trainings am meisten: „Wenn ich nicht nahe beim Trainer stehe, überhöre ich manchmal seine Anweisungen und kann seine Lippen nicht lesen.“

In vielen Fällen schaut er einfach den anderen Kindern zu und macht es ihnen nach. Das ist aber nicht immer möglich. „Dann werde ich wütend, weil ich etwas falsch mache“, sagt er.

Seine Mutter kennt das Problem:

„Nicht alle wissen über Tims Schwerhörigkeit Bescheid oder vergessen es einfach wieder. Sie sagen dann, dass Tim im Training unaufmerksam ist, was aber natürlich nicht stimmt.“


Wenn Tim weit weg von seinem Trainer fährt, hört er seine Anweisungen nicht.


Wenn Informationen zum Rennen ausgerufen werden


„Meine Hörbehinderung ist in einer ganz kleinen Schublade in meinem Gehirn abgelegt“, erklärt Tim. „Die anderen Schubladen sind viel größer. Deshalb ist mir die Hörbehinderungs-Schublade normalerweise egal.“

Im Sportleralltag stößt Tim jedoch immer wieder auf Barrieren.

„Neulich bei der WM in Nantes wurden die Startnummern und -plätze nur mündlich und ziemlich schnell ausgerufen. Es gab keine Anzeigetafel, und ich hatte nur wenige Sekunden Zeit, um mich einzureihen.”

Die Situation hätte für Tim einen großen Nachteil bedeuten können. Normalerweise befinden sich nämlich nur Kinder und einige Betreuer*innen im Startbereich, die das Problem des 11-Jährigen vielleicht nicht mitbekommen hätten.

„Doch zum Glück hatte mein Papa einen Zutrittspass. Er konnte mir beim Einreihen helfen.“


Wir entscheiden gemeinsam, was Behinderung bedeutet


Die Situation in Nantes ist ein gutes Beispiel dafür, was eine Behinderung tatsächlich ausmacht:

Oft ist es nämlich weniger die körperliche (oder geistige) Beeinträchtigung selbst, die dazu führt, dass eine Teilnahme an gesellschaftlichen Aktivitäten erschwert wird, sondern es sind die entsprechenden Rahmenbedingungen.

Vereinfacht gesagt:

Wir alle entscheiden gemeinsam, was eine Behinderung letztlich darstellt. Indem wir es in der Hand haben, die Rahmenbedingungen entsprechend inklusiv oder exklusiv zu gestalten.

Der gleiche Zugang findet sich auch in der UN-Behindertenrechtskonvention. Dort heißt es in der Präambel, „dass Behinderung aus der Wechselwirkung zwischen Menschen mit Beeinträchtigungen und einstellungs- und umweltbedingten Barrieren entsteht.“


Mehr Offenheit und Flexibilität wünschenswert


Muss das Startsignal immer akustisch sein oder gäbe es mehrere Möglichkeiten?


Dass sich mit gutem Willen und einer Portion Neugier seitens der nichtbehinderten Gesellschaft so manches zum Positiven verändern lässt, sieht auch Tim so.

Er wünscht sich, „dass die Menschen weniger voreingenommen und unflexibel gegenüber Menschen mit Behinderung sind.“

Seine Eltern fänden ebenfalls mehr Offenheit und Flexibilität wünschenswert. Oft herrschen nämlich Unsicherheit und Ängste:

„Für viele ist der Umgang mit Kindern mit Behinderung bestimmt etwas Neues. Vielleicht wären hier zielgruppengerechte Schulungen hilfreich“, sagt seine Mutter.

Wie funktioniert Inklusion im Sport? Oft ist nur etwas Kreativität und Empathie notwendig, um Behinderten Zugang zu Aktivitäten zu ermöglichen. Beim Wettkampf in Nantes hätte es zum Beispiel gereicht, die Startnummern und Startplätze nicht nur auszurufen, sondern auch auszuhängen.


Tims größte Erfolge auf dem BMX-Bike


Mit acht Jahren gewann Tim Stöckl die Österreichische Meisterschaft in seiner Altersklasse.


Was alles möglich ist, beweist uns Tim eindrucksvoll. Regelmäßig holt der Niederösterreicher Podestplätze, war einmal Landesmeister und wurde mit acht Jahren sogar Österreichischer Meister in der Klasse Boys bis 8.

Sein nächstes Ziel hat er bereits vor Augen.

„Ich wäre richtig stolz, wenn ich es beim Europa-Cup in Verona ins Finale schaffen würde. Von 128 Fahrern dürfen nur die besten acht beim letzten Rennen antreten und bisher habe ich es nur bis ins Viertelfinale geschafft. Nächstes Mal komme ich weiter!“


Die Liebe zum Radfahren treibt Tim an, immer besser zu werden.


Kurze Fragen an Tim:

  • Welche Hobbys hast du neben dem Radfahren?
    Trampolinspringen und Freestyle-Skiing im Winter.
  • In welche Schule gehst du?
    Ich gehe in ein Sportgymnasium.
  • Welche Sportfächer belegst du dort?
    Dieses Jahr habe ich mich für die Freigegenstände Trampolinspringen, Zirkus und Basketball angemeldet.
  • Willst du Radfahr-Profi werden?
    Das wäre toll, aber ich möchte auch noch mehr Tricks beim Trampolinspringen lernen.
  • Hast du einen großen Traum?
    Ich würde gerne Weltraumforscher werden.

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