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woom ESG-Managerin Anna Vahle: „Was wir heute tun, bestimmt die Welt von morgen”

Belinda Ableitinger
Belinda Ableitinger

In unserer Interview-Serie mit woomstern sprechen wir dieses Mal mit woom Nachhaltigkeits-Managerin Anna Vahle. Sie ist seit 2021 bei woom und dafür verantwortlich, dass ökologische und soziale Nachhaltigkeit in jedem Unternehmensbereich und in jeder Geschäftsentscheidung berücksichtigt wird.

Nachhaltigkeit ist eines der zentralen Unternehmensziele von woom. Das zeigt sich beim Produkt, das so viele Kinder wie möglich für das Radfahren und damit für eine nachhaltige Mobilitätsform begeistern soll. Das betrifft aber auch alle anderen Aspekte des Unternehmens, die nicht nur umwelt- und klimafreundlich ausgestaltet sein sollen, sondern auch sozial gerecht und fair.

In einer schnell wachsenden Firma wie woom, die sich vom kleinen Garagen-Start-up in ein international tätiges Unternehmen verwandelt, ist Nachhaltigkeit eine besondere Herausforderung, Damit das gelingt, ist Anna seit Oktober 2021 an Bord.

Wie sie diese Herausforderung meistert erzählt sie uns während einer Bahnfahrt zwischen Wiesbaden und Klosterneuburg.


1. Wie war dein Start bei woom? Warum bist du hier und nicht woanders?

Es war ein wilder Start, und ich war sofort mittendrin. Es war gleich klar, dass viele auf jemanden gewartet haben, der sich zu 100 Prozent dem Thema Nachhaltigkeit widmet. Nachhaltigkeit hatte bei woom zwar schon immer einen besonderen Stellenwert, allerdings wurde das Thema bis dahin noch nicht systematisch und fokussiert angegangen. Dafür bin ich jetzt da. Für mich persönlich ist es eine tolle Chance, das Thema „ESG“ – also Environment, Social und Governance – hier bei woom neu aufzuziehen und mitzugestalten.


2. Was macht woom für dich besonders?

Man spürt die Begeisterung jedes einzelnen woomsters für die Marke und für die Produkte. Die positive Atmosphäre und der starke Wille, etwas zu bewegen, machen den besonderen woom Spirit aus. Die gute Energie und die Macher-Mentalität haben mich von Anfang an mitgerissen. 


3. Was bedeutet Radfahren für dich?

Für mich bedeutet Radfahren Erholung. Ich finde es toll, im Sommer eine Fahrradtour zu machen, oder im Urlaub die Stadt und die Natur aus der Rad-Perspektive zu erkunden. In der Natur kann ich mich entspannen und Kraft tanken.


4. Nachhaltigkeit ist eines der sieben großen Unternehmensziele von woom. Was heißt das konkret? 

Ein woom bike erfüllt bereits viele Kriterien eines nachhaltigen Produkts: Es fördert eine gesunde und umweltfreundliche Mobilität, es ist aufgrund seines zeitlosen Designs und seiner hohen Qualität besonders langlebig, es ist gut reparierbar, Ersatzteile werden von woom zur Verfügung gestellt, es ist sehr leicht, dadurch werden Rohstoffe eingespart. Ein gutes Produkt ist eine gute Ausgangsposition – ein gutes Produkt allein macht ein Unternehmen aber noch nicht nachhaltig. Nachhaltigkeit muss in der Gesamtunternehmensstrategie verankert sein, ganzheitlich gedacht und vom oberen Management unterstützt werden.  


5. Wie bist du zum Thema Nachhaltigkeit gekommen? 

Das Thema Nachhaltigkeit hat mich schon immer fasziniert. Ich habe Textil- und Bekleidungstechnik studiert. In meiner Bachelorarbeit habe ich mich intensiv mit kritischen Chemikalien, die für die Produktion von wasserabweisender Outdoorbekleidung verwendet werden, befasst. Meine Studie über diverse Outdoor-Marken führte mich schließlich in die Nachhaltigkeits-Abteilung („Vendor Control“) von Jack Wolfskin. 


6. Was war dein erster Berührungspunkt und was fasziniert dich daran?

Nachhaltigkeit heißt nicht weniger als, dass wir uns darüber Gedanken machen, welche Folgen unser Handeln heute für die Zukunft haben wird. Wir schaffen – wenn man so will – damit die Grundlagen für die Zukunft unserer Kinder und deren Kinder. Diesen Gedanken finde ich faszinierend. Selbstverständlich ist Nachhaltigkeit auch ein Faktor für den Unternehmenserfolg: Um auch in Zukunft erfolgreich bleiben zu können, müssen sich Unternehmen mit dem Thema auseinandersetzen. Daran kommt mittlerweile keiner mehr vorbei. Besonders spannend finde ich, wie auf den gesellschaftlichen Druck in einer bestimmten Frage häufig der politische Druck auf die Unternehmen folgt. Ein gutes Beispiel ist hier etwa das „Lieferkettengesetz“.


7. Welche Unternehmensbereiche umfasst Nachhaltigkeit?

Nachhaltigkeit ist sehr komplex und umfasst so gut wie alle Unternehmensbereiche: von der Produktentwicklung und dem Design (z. B. Materialauswahl, Produktverpackungen) über Einkauf und Supply Chain (z. B. Lieferantenauswahl und nachhaltige Einkaufspraktiken) bis hin zu Logistik und Transport (z. B. emissionsarme Transporte) sowie Finanzen und Recht (z. B. Berichterstattung und Einhaltung gesetzlicher Vorschriften), Employer Experience (z. B. Diversität und Recruiting) und Marketing. Nachhaltigkeit betrifft außerdem nicht nur die eigene Organisation, sondern auch die vor- und nachgelagerte Lieferkette, also unsere Zulieferer und Distributionspartner.

Anna Vahle (30) ist seit Oktober 2021 als Nachhaltigkeitsmanagerin bei woom tätig. Davor war die gebürtige Dortmunderin in der CSR-Abteilung des internationalen Outdoor-Spezialisten Jack Wolfskin tätig. Anna pendelt regelmäßig mit der Bahn von Wiesbaden ins woom Headquarter nach Klosterneuburg – während der Zugfahrt kommen ihr – sagt sie – die besten Ideen.


8. Viele Unternehmen sehen sich dem Vorwurf von Greenwashing ausgesetzt. Wie kann man sicherstellen, dass – wo Nachhaltigkeit angekündigt wird – auch nachhaltig gehandelt wird?

Greenwashing bedeutet, sich als Unternehmen nachhaltig darzustellen, ohne nachweisbare Grundlage. Also etwas zu erzählen, das nicht stimmt. Das zu tun, kommt für uns absolut nicht in Frage. Klar ist aber auch: Kein Unternehmen wird von heute auf morgen nachhaltig. Es ist ein langer Weg, dem wir mit kleinen und großen Schritten folgen. Ich denke, dass, egal wie gut ein Unternehmen ist, es trotzdem immer mehr, immer weiter, immer besser gehen kann. Es ändern sich ja auch der wissenschaftliche Erkenntnisstand und die technischen Möglichkeiten. Nachhaltigkeit ist kein Ziel, das wir einmal erreichen und dann ist die Sache erledigt. Sondern ein fortwährendes Bemühen. Ein kontinuierlicher Prozess. Freilich ist klar: Das, was wir heute tun (oder nicht tun), entscheidet darüber, wie die Welt morgen aussieht!


9. Wie sieht das konkret aus?

Für uns bei woom ist es wichtig, mutige und zugleich erreichbare Ziele zu setzen, Maßnahmen zur Umsetzung zu formulieren und diese regelmäßig zu evaluieren und zu kontrollieren. Dabei wollen wir ehrlich und offen sein. Wir möchten über unseren Weg sprechen und unsere Kund*innen über die verschiedenen Schritte transparent informieren, zum Beispiel in Form eines Nachhaltigkeitsberichts oder durch regelmäßige Updates auf unserer Webseite.


10. Was sind deine Schwerpunkte in den nächsten Monaten hier bei woom?

In den vergangenen Monaten habe ich eine umfangreiche Analyse durchgeführt und alle Unternehmensbereiche in puncto Nachhaltigkeit genau durchleuchtet. Darüber hinaus haben wir unseren CO2-Fußabdruck berechnet. Aus den daraus gewonnenen Erkenntnissen haben wir uns konkrete Ziele gesetzt und Maßnahmen zur Umsetzung definiert. Folgende Schwerpunkte haben wir für dieses Jahr gesetzt: Wir haben uns zu einem CO2-Reduktionsziel verpflichtet, wir kontrollieren und überwachen verstärkt unsere Lieferkette, wir geben erstmalig einen Nachhaltigkeitsbericht heraus und sind gerade dabei, einen Verhaltenskodex für woomsters zu erarbeiten. Dazu kommt eine Vielzahl von kleineren und größeren Maßnahmen: Wir haben uns Nachhaltigkeitsinitiativen angeschlossen, die ökologische und soziale Standards in der Fahrradindustrie festschreiben. Wir unterstützen Gemeinden und Organisationen, die Maßnahmen für die nachhaltige Verkehrswende setzen. Und wir machen bei woom Aktionen, die die klimafreundliche Mobilität unserer woomsters fördern sollen, etwa den woom Car Free Day.


11. Wo siehst du bei woom Nachholbedarf?

Die Fahrradindustrie hat sich lange auf der Tatsache ausgeruht, dass ein Fahrrad an sich ein nachhaltiges Produkt ist. Grundsätzlich stimmt diese Aussage, aber damit haben es sich die Unternehmen etwas zu einfach gemacht. Da hat sich in den letzten Jahren das Bewusstsein geändert: Immer mehr Unternehmen der Fahrradindustrie möchten für die ökologischen und sozialen Auswirkungen ihres Wirtschaftens Verantwortung übernehmen und über die Grenzen ihrer eigenen Organisation hinausblicken. Daraus sind einige wichtige Initiativen, wie die Bike Charta von BIKEBRAINPOOL oder das Climate Commitment der Shift Cycling Culture entstanden, die sich dem Vorantreiben einer ökologisch und sozial nachhaltigen Fahrradindustrie widmen. Beiden Initiativen hat sich woom dieses Jahr angeschlossen.

Für woom sehe ich eine besondere Herausforderung in der Anpassung von Prozessen und Strukturen. Auf dem Weg vom Start-up – wo viel gelebt, aber wenig strukturiert und dokumentiert wurde – zum internationalen Unternehmen, das zudem extrem schnell wächst, haben wir noch einiges zu tun. 


12. Unternehmen müssen profitabel arbeiten, damit sie bestehen können. Aber: Gehen Profit und Nachhaltigkeit überhaupt zusammen? 

Nachhaltigkeit und Profit müssen keine Gegensätze sein. Ganz im Gegenteil: Wer in der Zukunft nicht nachhaltig ist, wird auch nicht erfolgreich sein. Denn nicht nur Kund*innen möchten nachhaltige Produkte kaufen, sondern auch andere Stakeholder – Banken und Investor*innen zum Beispiel – erwarten sich eine gute Nachhaltigkeits-Performance. Auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen gehen – zum Glück – in die Richtung, dass Nachhaltigkeits-Standards eingehalten werden müssen. Nachhaltigkeit ist sicherlich zunächst mit Kosten verbunden, sollte aber als langfristige Investition gesehen werden: Zufriedene Mitarbeiter*innen erhöhen die Produktivität, Produktionsstätten können durch ressourcenschonende und energieeffiziente Systeme und Technologien nicht nur Rohstoffe und Emissionen einsparen, sondern auch Produktionskosten. Hier gibt es viel Potenzial. 


13. Du kommst ja aus der Textilindustrie. Gibt es Parallelen zwischen der Rad- und der Textilindustrie?

Einzelne Produktionsprozesse sind sicherlich unterschiedlich. Aber viele nachhaltigkeitsrelevante Themen wie nachhaltiges Design, Transport, Einkauf und produktionsspezifische Elemente wie zum Beispiel Rohstoffe, Energie, Wasser, Abfälle, Abwasser etc. sowie die soziale Komponente sind in beiden Industrien relevant und übertragbar.

Im Vergleich zur Fahrradindustrie hat die Textil- und Bekleidungsindustrie in Sachen Nachhaltigkeit (noch) einen großen Vorsprung. Hier wird schon seit Jahrzehnten daran gearbeitet, nachhaltig zu wirtschaften. Es gibt sowohl im Bereich Umwelt als auch im sozialen Bereich viele etablierte Systeme, Standards, Organisationen und Initiativen, denen man sich als Unternehmen oder Produktionsstätte anschließen und damit viel bewirken kann.

In den letzten Jahren haben sich aber auch in der Fahrradbranche einige interessante Initiativen entwickelt, die sich dem Vorantreiben einer ökologisch und sozial nachhaltigen Fahrradindustrie widmen. 


14. Was war deine bisher größte Herausforderung? Und was konntest du daraus lernen?

Ich habe gelernt, dass Nachhaltigkeit nur im Team erreicht werden kann. Das Thema in einem Unternehmen und in seiner Lieferkette voranzutreiben, ist ein großer Kraftakt. Es kostet Zeit, Ressourcen und bringt Veränderungen mit sich, die die Dinge in der Regel verkomplizieren oder Mehrarbeit bedeuten. Das kommt logischerweise nicht immer gut an. Es braucht daher einen langen Atem, Geduld und viel Überzeugungsarbeit. Ich habe gelernt, dass man am meisten erreicht, wenn man interne und externe Stakeholder in Prozesse einbindet, offen und transparent kommuniziert, alle mitnimmt und Ziele Schritt für Schritt verfolgt.


15. Von wem hast du gelernt und von wem holst du dir immer noch Tipps für deine beruflichen Herausforderungen?

Ich habe nicht den EINEN Mentor. Ich lasse mich aus meinem persönlichen und beruflichen Umfeld inspirieren: Freund*innen, Familie, ehemalige und neue Kolleg*innen und Vorgesetzte. Menschen, die die richtigen Fragen stellen, mich motivieren und mir helfen, immer wieder über meinen eigenen Schatten zu springen, das sind Inspirationsquellen und Vorbilder für mich.


16. Was würde deine ehemalige Chefin sagen – was ist dein größter USP?

Das ich ein Organisationstalent bin.


17. Was ist deine Vision für deine berufliche Zukunft?

Ich liebe es, mit meinem Beruf eine wirklich sinnvolle Aufgabe zu verfolgen: Einem Unternehmen dabei zu helfen, nachhaltig zu wirtschaften. Meine Vision für woom ist es, Vorreiter in Sachen ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit in der Fahrradbranche zu werden und damit die gesamte Branche positiv zu beeinflussen. Alleine ist unsere Wirkung begrenzt. In der Gemeinschaft allerdings haben wir den größten Impact. Das ultimative Ziel wäre daher eine nachhaltige Fahrradbranche, in der Unternehmen, Lieferketten-Partner*innen und andere Stakeholder gemeinsam an einem Strang ziehen, die gleichen Ziele verfolgen und dabei wirklich etwas verändern.  


18. Was steht auf deiner privaten Bucket-List für die nächsten 10 Jahre? 

Ich möchte meine Türkisch-Kenntnisse verbessern, töpfern lernen und bald einmal eine große Asienreise machen.


19. Du hast ein Auslandssemester in Istanbul gemacht. Warum hat es dich nach Istanbul gezogen?

Reisen war schon immer mein Ding. Ich war mit 16 für ein Jahr auf einer Highschool in den USA, mit 19 bin ich mit einer Freundin nach Nepal, um dort an der Schule ehrenamtlich zu unterrichten. Während meines Studiums war ich in Bangladesch, dann habe ich 2015 das Auslandssemester in Istanbul gemacht. Dort habe ich meinen jetzigen Lebensgefährten kennengelernt. Er ist in Deutschland geboren, hat aber türkische Wurzeln. Ein Teil der Familie lebt auch noch in der Türkei und zuhause in Deutschland wird auch viel Türkisch gesprochen. Ich kann es schon ein wenig, aber ich will es weiter ausbauen.


20. Wie sieht deine Vision für die Zukunft der Mobilität aus?

Die meisten Menschen neigen ja eher zu Bequemlichkeit, wenn es um Mobilität im Alltag geht. Es braucht daher Mobilitätsmodelle, die für jeden einfach, unkompliziert, sicher und flächendeckend zugänglich sind. Modelle, die Menschen dazu bringen, das Auto öfter mal stehen zu lassen oder ganz darauf zu verzichten. Spontan denke ich da an Carpooling oder -sharing und Bike-Leasing-Modelle, die immer mehr an Beliebtheit gewinnen. 


21. Wie lebst du persönlich Nachhaltigkeit? 

Nachhaltigkeit übersetze ich für mich persönlich mit Achtsamkeit. Achtsam zu leben, zu konsumieren und zu hinterfragen: Im Zuge dessen weniger und regional zu kaufen, wenig Fleisch zu essen, das Auto stehen zu lassen, Ökostrom zu beziehen und Müll zu vermeiden. Man muss nicht alles perfekt machen oder auf alles verzichten. Es sind die vielen kleinen Stellschrauben, die in ihrer Gesamtheit eine große Wirkung haben. 


WORDRAP

Mein Office ist: Offen und hell, mit gemütlichen und ruhigen Ecken zum Zurückziehen.

3 Dinge, die ich auf die einsame Insel mitnehme: Eine Hängematte, Schnorchelausrüstung und meinen Freund – mit ihm macht Reisen am meisten Spaß. 

Ein magic moment in meinem Leben war: Auf 4700m im Himalaya-Gebirge zu wandern.

Mein Soul-Food ist: Pizza. 

Dabei kann ich richtig entspannen: Spazieren gehen, am liebsten im Wald oder am Meer.

Das inspiriert mich: Neues für mich zu entdecken, zum Beispiel Orte, Aktivitäten oder Essen.  

Das bedeutet Nachhaltigkeit für mich: Verantwortung für unser Tun und Handeln zu übernehmen, mit der Umwelt und unseren Mitmenschen achtsam umzugehen, um damit die Welt von morgen ein Stückchen besser zu gestalten.