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Qualitätskontrolle bei woom: Christian Petermann im Interview

Seit April 2022 ist Christian Petermann zusammen mit einem 15-köpfigen Team bei woom für die Qualitätskontrolle zuständig. Im Interview erzählt der gelernte Maschinenbauer und Betriebswirt, wie er sicherstellen will, dass Fahrräder in der gewünschten Qualität zu den Kund*innen gelangen, und warum ihn seine Frau davon abhalten musste, seinen Gartentisch immer weiter zu verbessern.

Felix Schifflhuber
Felix Schifflhuber
9/1/2022

Christian, du bist Head of Quality Control and Manufacturing. Beschreibe bitte deinen Job für uns!

Die Sicherheit unserer Produkte zu gewährleisten, ist absolute Priorität bei woom. Ich bin selber Vater und weiß, dass wir unseren Kund*innen im Wort sind, weil sie uns mit ihrer Kaufentscheidung das Wohl ihrer Kinder anvertrauen.

Mein Team und ich sind dafür zuständig, dass woom Kund*innen unsere Produkte in der gewünschten Qualität bekommen. Wir orientieren uns dabei an den Standards, die unsere Produktentwicklung definiert und niedergeschrieben hat.

Kurz gefasst: Wir achten darauf, dass die Produkte, die aus der Fabrik kommen, auch wirklich so gut sind, wie das unsere Produktentwickler*innen vorgegeben haben. 

Als Head of Manufacturing bin ich außerdem für die Weiterentwicklung unserer Produktion – im Hinblick auf Fertigungspartnerschaften, Automatisierungslösungen, Value-added-Engineering, also die Optimierung des Herstellungsprozesses, und die Erweiterung unseres Know-hows – verantwortlich.


Wie funktioniert die Qualitätskontrolle bei woom?

Qualitätssicherung bei woom ist nicht nur ein Prozess, sondern mehrere, die ineinander greifen und an denen viele Personen und Teams beteiligt sind.

Das beginnt bei der Produktentwicklung, wenn einzelne Komponenten auf Herz und Nieren geprüft werden, bevor sie dann optimiert in Serie gehen. Das geht weiter mit Produktsicherheit & Compliance, wenn unsere Expertinnen Brenda und Alexandra darauf achten, dass unsere Räder und deren Komponenten die unterschiedlichen Normen in unseren Zielmärkten erfüllen.

Bei der Produktion kommen mein Team und ich ins Spiel: Unsere Aufgabe ist es, ganz genau darauf zu achten, dass der Herstellungsprozess geeignet ist, unsere hohen Ansprüche zu erfüllen und auch tatsächlich erfüllt.

Wenn einmal etwas schiefgeht – und das kommt bei industrieller Fertigung leider mitunter vor – dann ist es unsere Aufgabe, die Gründe dafür herauszufinden und diese Fehler nachhaltig zu beheben.


Christian bespricht mit seinem Kollegen Christian Schandl (m.) und dem externen Mitarbeiter Tom Tan (r.) den Konstruktionsplan eines woom Kinderrads.


Und wie macht ihr das ganz konkret?

Konkret überprüfen wir unsere Fahrräder mithilfe einer standardisierten Checkliste. Auf der Checkliste für unsere woom ORIGINAL Räder stehen zum Beispiel 34 Punkte wie „Bremsbeläge“ und „Sattelklemme“.

Jede Komponente bis hin zur kleinsten Schraube wird von uns sorgfältig kontrolliert. Danach kategorisieren wir mögliche Fehler und besprechen die Prüfungsergebnisse mit unseren Lieferant*innen.


Kontrolliert ihr jedes woom bike einzeln oder macht ihr Stichproben?

Eine umfassende Kontrolle, wie eben geschildert, dauert ca. 20 Minuten pro Rad. Bei mehreren Hunderttausend Rädern, die wir jedes Jahr fertigen, ist die Kontrolle jedes Bikes daher nicht machbar. So viele Leute können wir gar nicht einstellen.

Stattdessen bauen wir in den Produktionsprozess immer wieder Kontrollen ein und optimieren ständig die Verfahren. Für unsere Stichproben nutzen wir die sogenannte AQL-Methode:

AQL steht für „Acceptable Quality Level“. Dabei handelt es sich um ein statistisches Verfahren, mit dem wir die ideale Stichprobengröße ermitteln.


Angenommen, ihr seid mit der Qualität unzufrieden: Wie geht ihr dann vor?

In diesem Zusammenhang wenden wir vor allem Fehler-Ursachen-Analysen an. Wir gehen dabei entlang der Produktionskette zurück und schauen, wo genau der Fehler passiert und mit welchen Maßnahmen wir ihn nachhaltig beheben können.

Manchmal liegt der Fehler übrigens nicht in der Produktion, sondern entsteht anderswo: etwa beim Transport, bei einer ungünstigen Verpackung oder bei der Endmontage.

Bei der Fehlerbehebung verlassen wir uns je nach Situation entweder auf lokale Partner*innen, die woom vor Ort repräsentieren, oder wir schicken unsere EU- und USA-Teams in die Produktionsstätten.


woom Fahrradrahmen werden in Österreich entwickelt und an verschiedenen Produktionsstandorten in Asien geschweißt.


woom wächst sehr rasch. Welche Auswirkungen hat das auf die Kontrolle der Produktqualität?

woom hat 2013 in einer kleinen Garage mit einer starken Idee und einem einzigartigen Produkt begonnen.

Christian Bezdeka und Marcus Ihlenfeld in Wien und Mathias Ihlenfeld in Austin, Texas, sind am Anfang selber in der Garage gestanden und haben an den Rädern geschraubt, die Räder verkauft, ausgeliefert und manchen Kindern auf ihren neuen woom bikes auch gleich das Radfahren beigebracht.

Inzwischen hat sich woom rasant weiterentwickelt. Kaum ein Prozess, der in einem kleinen Start-up gut funktioniert, funktioniert bei einem Unternehmen, das weltweit tätig ist. Bei der Qualitätskontrolle ist das genauso.

Für uns heißt das nicht zuletzt, dass wir personell stark aufstocken mussten. Mein Kollege Christian hatte Anfang 2022 noch drei Teammitglieder in der EU und zwei in den USA. Acht Monate später haben wir nun fünfzehn Leute in der Qualitätskontrolle.

Viele von ihnen sitzen direkt in den Fabriken unserer Partnerunternehmen. Sie werden vor Ort angeworben. Dadurch können wir Probleme schnell und direkt in den Produktionsstätten beheben.


Wo siehst du den größten Verbesserungsbedarf?

Ich denke, dass wir Prozesse noch besser definieren und standardisieren müssen. Da geht es um Dinge wie Lessons-Learned-Dokumente und sorgfältig strukturierte  Kick-off-Meetings für neue Lieferant*innen.

Wir brauchen transparente und präzise Zuständigkeiten, um die Abläufe verständlich und vorhersehbar zu machen. Das Ziel ist ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess.


woom hat Nachhaltigkeit als ein zentrales Unternehmensziel definiert und sich den Nachhaltigen Entwicklungszielen der Vereinten Nationen verschrieben. Inwieweit ist es deine Rolle, darauf zu achten, dass umweltschonend bzw. fair produziert wird? Insbesondere bei unseren Partnerfabriken in Asien?

Wir bewerten unsere Lieferant*innen nach ökologischen und sozialen Gesichtspunkten wie Arbeitszeiten, Mindestlöhne, Sicherheitsmaßnahmen und Umweltstandards. Das kontrollieren wir regelmäßig sowohl durch Mitarbeiter*innen vor Ort als auch durch Besuche unserer EU- und USA-Teams.

Außerdem wird es in Zukunft bei allen Lieferant*innen standardisierte Überprüfungen, sogenannte Audits, geben. Unsere Nachhaltigkeitsmanagerin Anna sowie unsere neue Head of Sustainability Milica sind gerade dabei, ein System entsprechender Audits auszuarbeiten.


Blick in eine Fertigungshalle in Bavet, Kambodscha. Das Schweißen der Alu-Rahmen für die woom bikes erfordert Fingerspitzengefühl und viel Erfahrung. Unsere Schweißer*innen werden daher monatelang ausgebildet.


Wie wird man eigentlich Qualitätsmanager*in? Und wie bist du einer geworden?

Ganz allgemein: Es werden Studienrichtungen für Qualitätsmanagement angeboten. Ein weiterer Ausbildungsweg führt über Zertifizierungen – also Kurse an Bildungseinrichtungen. Dort kann man sich zum Beispiel für die Norm ISO 9001 zertifizieren lassen und so Expert*in für Qualitätsmanagement werden.

Man kann Qualitätsmanagement aber auch lernen, indem man sich praktisch damit auseinandersetzt und so versteht, wie Prozesse kontinuierlich verbessert werden können.

Ich bin während meiner Schulzeit an einer Maschinenbau-HTL* erstmals mit einer ISO-9001-Norm, das ist eine Norm für Qualitätsmanagementsysteme, in Kontakt gekommen:

Im Zuge meiner Abschlussarbeit habe ich dann gemeinsam mit einem Kollegen ein Qualitätsmanagementhandbuch für einen Lebensmittelhersteller im Burgenland geschrieben und ausgearbeitet, wie sich diese Norm am besten in der Praxis dieses Betriebes umsetzen lässt. 

Dann habe ich viele Jahre im internationalen Anlagenbau gearbeitet. Mein Steckenpferd ist daher Manufacturing – also die Produktherstellung.

*Höhere Technische Lehranstalt (österreichischer Schultyp für 14- bis 19-Jährige)


Warum hast du dich entschieden, bei woom zu arbeiten?

Meine Kinder lieben die Marke. Vor einigen Monaten habe ich dann den Anruf von einem Headhunter erhalten und meiner Familie beim Abendessen davon erzählt. Meine Kinder haben mich freudestrahlend angesehen und gesagt: „Papa, du musst unterschreiben. woom ist so supertoll!“ Für meine Kinder war die Entscheidung also gleich gefallen.

Für mich persönlich waren dann noch zwei Gründe ausschlaggebend.

Erstens habe ich die Aufgabe extrem spannend gefunden, weil sie zwei Bereiche abdeckt: Durch die Verbindung von Manufacturing und Qualitätskontrolle sind die Möglichkeiten für mich enorm. Zweitens hat es für mich auf zwischenmenschlicher Ebene einfach sofort gepasst: Die ersten Gespräche mit woom haben mir ein extrem gutes Gefühl vermittelt.

Jetzt, sechs Monate später, kann ich sagen: Ich fühle mich echt wohl und bereue meine Entscheidung keine Sekunde.


Welche Stärken zeichnen dich als Führungskraft aus?

Ich bin authentisch und kann Begeisterung vermitteln. Deshalb sind meine Teams in der Vergangenheit den Weg gemeinsam mit mir gegangen. Auch in harten Zeiten und wenn es darauf ankommt, einmal mehr zu geben.


Was ist deine Beziehung zum Radfahren?

Meine Kinder sind begeisterte woom Radler. Ich schaue auf die woom Räder also vor allem aus der Perspektive eines Papas, der will, dass seine Kinder mit guter Ausrüstung Sport betreiben bzw. sicher unterwegs sind.

Ich selber habe ein Rad und kann Radfahren (lacht), aber ich bin eher Fußballer. Ich weiß, da gibt’s also noch Verbesserungspotenzial.

Ich habe einen guten Freund, der leidenschaftlicher Radfahrer ist und sich sehr über meinen neuen Job gefreut hat: „Jetzt können wir endlich im Detail über die Materie reden“, hat er zu mir gesagt.


Was hat dich überrascht, als du bei woom angefangen hast?

Die Gesprächskultur. Überrascht hat mich dabei vor allem, dass woom so wenig hierarchisch ist. Wir versuchen, mit unseren Kolleg*innen einen Konsens zu finden und laden Entscheidungen nicht auf einer höheren Ebene ab.

Dadurch ist der Informationsfluss natürlich gewaltig. Ich habe am Anfang Zeit gebraucht, mich zurechtzufinden. Ich war einfach etwas anderes gewohnt. Aber jetzt sehe ich den großen Mehrwert: Transparenz, respektvoller Umgang und Wertschätzung stärken den Teamgeist.


Was funktioniert bei woom besser als anderswo?

woom hat einen ganz speziellen Spirit. Die Leute hier brennen für umweltfreundliche Mobilität und kinderfreundliche Produkte. Sie sind voller Leidenschaft und Enthusiasmus und wollen Kinder für das Radfahren begeistern, um damit einen Beitrag für eine nachhaltige Mobilität zu leisten.

Diese Leidenschaft und diesen Enthusiasmus dürfen wir auf dem Weg zum Global Player nicht verlieren. Wir müssen das richtige Maß bei der Strukturierung und Standardisierung finden. Der Spirit ist nämlich genial.


Sicherheit hat bei woom Priorität: Die Qualitätskontrolle der Fahrradrahmen erfolgt bereits stichprobenartig während der Fertigung, damit sie den hohen woom Standard erfüllen.


Welche Person hat dich als Mensch geprägt? Warum?

Meine Frau hat mich am meisten geprägt. Sie ist von der Art her anders als ich und sozusagen mein Regulativ. Wenn ich irgendwo vorpresche, fragt sie mich: „Ist das wirklich der richtige Weg?“ Das führt dazu, dass ich über meine Pläne nachdenke und vielleicht draufkomme, dass mein Weg nicht der richtige ist.

Durch meine Frau habe ich außerdem verstanden, dass am Ende des Tages die Menschen zählen. Meine Empathiefähigkeit verdanke ich ihr.


Was ist deine größte Schwäche?

Ungeduld. Ich bin begeisterungsfähig und erörtere gern ein neues Thema. Aber stundenlange Überarbeitungen und Diskussionen sind nicht meins. Ich hätte die Dinge lieber gleich erledigt.


Was ist deine Marotte?

Ich gebe keine Ruhe und frage oft nach. In diesem Sinne bin ich Perfektionist. Vor Kurzem habe ich zum Beispiel einen Gartentisch nachgebaut, den mir meine Frau auf Instagram gezeigt hat, und lange mit meiner Leistung gehadert.

Zuerst habe ich mir die passende Dimensionierung des Tisches überlegt. Danach habe ich mich auf die Suche nach einem Sägewerk gemacht, das uns 3-Meter-Lärchenbalken auf Maß zugeschnitten hat.

Für die Tischbeine aus Stahl habe ich detaillierte Fertigungszeichnungen ausgearbeitet, wobei ich wirklich jedes Bohrloch und sogar die einzelnen Schritte des Lackier-Prozesses definiert habe. Glücklicherweise bin ich mit einem Schlosser befreundet. (lacht)

Aufgrund der Größe des Tisches habe ich ihn direkt auf unserer Terrasse zusammengebaut. Das Messen und Einrichten war jedoch äußerst zeitintensiv. Hat es an der einen Ecke gepasst, habe ich die andere wieder nachrichten müssen.

„Ist der Tisch schief? Passt die Kante? Steht er jetzt gerade?“ Ich habe meine Frau mit tausenden Fragen gelöchert und den Tisch immer weiter verbessert, bis sie schließlich gesagt hat: „Christian, der Tisch ist perfekt.“


Suchst du noch Unterstützung für dein Team?

Ja. Wir werden in Asien vor Ort Unterstützung bei der Qualitätskontrolle brauchen. Das Thema Manufacturing fangen wir gerade erst an. Langfristig werden wir also auch dieses Team aufbauen.


Christian Petermann ist mit seinem Team zuständig für die Qualitätskontrolle der woom bikes. Er hat für uns seinen Arbeitsalltag in Asien mit dem Handy festgehalten.


Word-Rap:

  • Wie sieht dein Schreibtisch aus?
    … aufgeräumt
  • Welche drei Dinge nimmst du mit auf eine einsame Insel?
    … meine Frau und meine zwei Kinder
  • Welchen Film würdest du von ganzem Herzen empfehlen?
    … Wie ein einziger Tag
  • Wenn es Qualitätskontrolle im Tierreich gäbe, welches Tier wäre dafür verantwortlich?
    … der Ameisenbär
  • Welchen Moment würdest du in deinem Privatleben als „magisch“ bezeichnen?
    … die Geburt meiner Kinder
  • Welchen Moment würdest du in deinem Berufsleben als „magisch“ bezeichnen?
    … jedes Mal, wenn eine Idee verwirklicht wird
  • Wohin geht die nächste Reise?
    … Kroatien, nächste Woche