Ein Leben auf zwei Rädern: Interview mit Hannah Ferle aus dem Supply-Chain-Team


Sie radelt bei jedem Wetter in die Arbeit, hat ihre Liebe zum Rennradfahren bei woom entdeckt und schließt gerade ihr berufsbegleitendes Studium im Bereich Supply Chain Management ab. Hannah Ferle sprüht nur so vor Energie.
Was bedeutet Radfahren für dich?
Hannah: Gleich die schwierigste Frage am Anfang! (lacht) Einerseits ist Radfahren für mich eine sportliche Betätigung. Andererseits fahre ich gerne und oft mit Freunden herum. Radfahren ist ideal, um das Training mit sozialem Austausch zu verbinden.
Noch etwas gefällt mir am Radfahren: Da ich mit dem Rad deutlich mehr Kilometer als beim Laufen zurücklege, kann ich relativ einfach meine gewohnte Umgebung hinter mir lassen und Neues entdecken.
Was war das Verrückteste, was du auf deinem Bike gemacht hast?
Hannah: Eines meiner Highlights 2022 war die Fahrt von Wien nach Budapest. Das war relativ spontan: Während meines Sommerurlaubs in Osttirol – ohne Rad – habe ich einer Freundin geschrieben, ob sie Lust auf eine kleine Runde am Wochenende hat.
Sie war sofort Feuer und Flamme. Da sie ein bisschen weiter als sonst fahren wollte, kam uns zuerst Bratislava in den Sinn. Wir waren aber beide schon einmal nach Bratislava geradelt. Daher haben wir uns für die nächste Stadt entlang der Donau entschieden: Budapest.
Zu diesem Zeitpunkt haben wir aber noch nicht gewusst, dass Budapest knapp 300 Kilometer von Wien entfernt liegt. (lacht)
Ich bin am Vorabend von meinem Urlaub zurückgekommen, habe meine Reifen aufgepumpt, mein Gewand rausgelegt, drei Riegel eingepackt und am nächsten Tag sind wir nach Budapest gestartet.
Habt ihr die 300 Kilometer an einem Tag geschafft?
Hannah: Ja! (lacht) Den EuroVelo 6* zwischen Wien und Budapest kann ich zwar nicht empfehlen, aber wir haben auf der Tour viel erlebt und sind mit den unterschiedlichsten Leuten zusammengekommen. Es war sehr lustig.
Was verrückte Radabenteuer anbelangt, habe ich noch etliche auf Lager. Im Frühjahr bin ich zum Beispiel gemeinsam mit acht Leuten von Innsbruck nach Wien gefahren. Wir haben dabei in drei Tagen knapp 700 Kilometer und 10.000 Höhenmeter zurückgelegt.
Das war sehr anstrengend, aber gleichzeitig unglaublich cool. So etwas würde ich sofort wieder machen!
*Europäischer Radweg, der von der französischen Atlantikküste bis zum Schwarzen Meer führt.
Du hast beim woom Car Free Day ebenfalls etwas Verrücktes gemacht. Wie ist die Idee dazu entstanden?
Hannah ist mit ihrem Kollegen Clemens 120 Kilometer von Wien nach Klosterneuburg geradelt.
Hannah: Beim Car Free Day im Frühjahr 2022 war ein Preis für die längste Radtour ins Büro ausgeschrieben. Mein Ehrgeiz war geweckt: Ich bin im Süden von Wien gestartet und habe unterwegs drei Arbeitskollegen abgeholt, um mehr Kilometer zusammenzukriegen.
Mein Arbeitsweg war an diesem Tag 70 Kilometer lang. Damit war er der längste in Österreich. Aber ein Kollege aus den USA hat mich um genau zwei Kilometer geschlagen, was ich nicht auf mir sitzen lassen wollte.
Für den nächsten Car Free Day im September 2022 haben wir – mein Kollege Clemens und ich – uns vorgenommen, einen „Mega Commute“ zu radeln.
Beim Organisieren hatte Clemens die Idee, dass wir den woom Schriftzug nachfahren und unsere Fahrt auf Strava tracken. Er hat mir den Screenshot einer Wiener Stadtkarte geschickt, auf dem er eine mögliche Strecke eingezeichnet hatte.
Die zwei „o“ des Schriftzugs hat er in der Nähe des Hauptbahnhofs gesehen. Zusammen mit dem „w“ und dem „m“ wären das jedoch nur etwa 60 bis 70 Kilometer gewesen. Da Clemens und ich unbedingt besser als unsere amerikanischen Kollegen sein wollten, haben wir der Strecke ein kleines Herz im Weinviertel nördlich von Wien angehängt.
Im Endeffekt war die Strecke dann rund 120 Kilometer lang. Damit war klar, dass wir halbwegs zeitig in der Früh starten mussten, um rechtzeitig im Büro zu sein. Außerdem hat es zur Feier des Car Free Day ein gemeinsames Frühstück gegeben, das wir nicht verpassen wollten.
Wir haben die Startzeit mit 02:30 bestimmt. Beim Aufstehen habe ich mir zwar gedacht: Wozu habe ich mich da schon wieder überreden lassen? (lacht) Aber beim Fahren hatten wir großen Spaß und rechtzeitig angekommen sind wir auch.
Und ihr habt mit Abstand gewonnen! Gratulation noch mal!
Danke!
Radelst du jeden Morgen auf dem gleichen Weg ins Büro – abgesehen vom Car Free Day?
Hannah: Eigentlich schon. Ich wohne im 9. Bezirk in Wien. Also habe ich ungefähr zwei Kilometer durch die Stadt und dann neun Kilometer auf dem Donaukanal-Radweg. Dort gibt’s keine Autos und keine Ampeln. Das geht super.
Wenn ich in meiner Freizeit ein bisschen weniger fahre – vor allem im Winter – fahre ich über den Wienerwald. Aber das kommt sehr selten vor. Meistens fahre ich diese Elf-Kilometer-Strecke am Donaukanal und der Donau entlang bis Klosterneuburg.
An der schönen blauen Donau wird das Pendeln für Hannah zum Vergnügen.
Pendelst du immer mit dem Rad oder nimmst du auch andere Verkehrsmittel?
Hannah: Der erste und einzige Tag, an dem ich ohne Rad zur Arbeit gekommen bin, war mein erster Arbeitstag bei woom, im Juli 2018. Ich war nämlich nervös und wollte zuerst abklären, wie das mit dem Umziehen und Duschen funktioniert.
Seitdem bin ich jeden Tag mit dem Rad gefahren.
Gleich im November 2018 habe ich mir auf Anraten eines Arbeitskollegen Schutzbleche gekauft. Das kann ich jedem sehr empfehlen, der im Winter fahren will. Schutzbleche haben mein Leben verändert. (lacht)
In den ersten Monaten bin ich nämlich ein paar Mal waschelnass im Büro angekommen. Da denkst du dir dann auch: Puh, ein bisschen mühsam. Aber mit einem Schutzblech und guten Handschuhen geht’s. Und ein bisschen Motivation braucht man halt.
Mit wem gehst du am liebsten Radfahren?
Hannah: Im Juli 2019 hat mich eine Bekannte gefragt, ob ich bei „Girls Ride“ mitmachen möchte. Das war damals in Wien etwas Ungewöhnliches. Rennradfahren war bis zu diesem Zeitpunkt eher Männersache und nur wenige Frauen waren Teil solcher Gruppen. Reine Mädelsgruppen hat es fast überhaupt keine gegeben.
Über Girls Ride habe ich viele Leute kennengelernt. Denn wenn du eine Person in der Wiener Rennrad-Szene kennst, kennst du alle. So habe ich auch Judith und Krystle getroffen, mit denen ich heute unglaublich gerne Rad fahre.
Reine Mädelsgruppen sind einfach anders. Das darf man sich jetzt nicht als Kaffee-Ausfahrt vorstellen. Wir sind zwar die ganze Zeit am Tratschen (lacht), aber gleichzeitig auch sehr schnell und sportlich unterwegs.
Rennradfahren ist für Hannah sowohl Sport als auch sozialer Austausch.
Wie bist du zum Rennradfahren gekommen?
Hannah: In den ersten Monaten bei woom bin ich mit jeder Strecke stärker und fitter geworden. Trotzdem bin ich fast jeden Tag auf meinem Stadtfahrrad von Rennradgruppen am Donaukanal überholt worden.
Da habe ich mir gedacht, das kann es nicht sein. Und zu Weihnachten 2018 habe ich mein Rennrad bekommen, mit dem ich bis heute fahre. Damals habe ich mit dem Rennradfahren angefangen und nie wieder aufgehört.
Was ist deine Rolle bei woom?
Hannah: Der Einkauf ist bei woom in „strategisch“ und „operativ“ organisiert. Ich bin im strategischen Einkauf. Das heißt, ich kümmere mich um ein Produkt, bis es fertig getestet und spezifiziert wurde.
Sprich: Unsere Produktentwickler überlegen sich etwas Neues und meine Kolleg*innen und ich überlegen uns, wo wir die Komponenten für das neue Produkt herbekommen.
Wir versuchen also herauszufinden, wer potenzielle Lieferanten sein könnten. Außerdem verhandeln wir Einkaufspreise und überprüfen bestehende Lieferanten.
Nach der Entwicklungsarbeit übergeben wir dann an unsere Kolleg*innen aus dem operativen Einkauf. Sie tätigen alle Bestellungen und schauen darauf, dass in der laufenden Produktion alles klappt.
Neben Arbeit und Radfahren schreibst du gerade an deiner Masterarbeit. Was gefällt dir am berufsbegleitenden Studieren?
Hannah: Früher habe ich Vollzeit studiert. Aber ich muss sagen, dass das berufsbegleitende Studium für mich interessanter ist. Ich kann nämlich das, was ich im täglichen Berufsleben sehe, direkt mit der Theorie aus dem Studium verknüpfen.
Durch meine Studienkolleg*innen bekomme ich außerdem spannende Einblicke in andere Firmen. Wir erzählen uns von den Strukturen unserer Unternehmen, von den Problemen und den Chancen, die wir dort sehen.
Es ist richtig cool, über den Tellerrand hinauszublicken und neue Sichtweisen kennenzulernen.
Hannah im Gespräch mit ihrem Kollegen Felix aus dem Kommunikationsteam.
Wie hat der Job bei woom für dich begonnen?
Hannah: Im Oktober 2017 habe ich in der Presse am Sonntag ein Interview mit den woom Gründern Marcus und Christian gelesen. Sie haben über woom und ihre Idee, Fahrräder speziell für Kinder zu bauen, gesprochen.
Ich war damals auf der Suche nach einem Job neben dem Studium. Und woom habe ich als cooles Unternehmen wahrgenommen, darum habe ich mich sofort beworben. Eine Rückmeldung habe ich dann im April 2018 bekommen, was perfekt beschreibt, wie woom damals war: chaotisch! (lacht)
Aber was sich nicht verändert hat – über all diese Jahre – sind die Kolleginnen und Kollegen. Sie sind ein Traum! Bereits beim Bewerbungsgespräch habe ich gewusst, dass das eine lässige Firma mit netten Leuten sein wird, die voll hinter den Produkten stehen, die sie machen.
Ich habe als fünfzigste oder sechzigste Mitarbeiterin begonnen und jetzt sind wir weltweit rund 250 woomster. Da hat sich also einiges getan. Aber die abteilungsübergreifende Zusammenarbeit ist immer noch wirklich, wirklich gut.
Wo siehst du dich in zehn Jahren?
Hannah: Immer noch auf dem Rad. (lacht)
Worauf bist du so richtig stolz?
Hannah: Ich war in der Schule weder in Mathematik noch Physik der Überflieger. Nach der Matura habe ich aber recherchiert, was ich studieren könnte, und bin auf Wirtschaftsingenieurwesen gekommen. Das hat sich lustig angehört.
Als ich im Familien- und Bekanntenkreis von meinem Plan erzählt habe, war das Feedback jedoch zurückhaltend: Habe ich mir das gut überlegt? Ist das wirklich die beste Wahl? Da habe ich mir dann gedacht: Das wird was!
Ich habe dann den Bachelor berufsbegleitend abgeschlossen. Obwohl ich vor dem Studium von Mechanik, Thermodynamik etc. keine Ahnung gehabt habe. Darauf bin ich heute sehr stolz.
Sicherheit geht vor – Hannah macht sich zur Weiterfahrt bereit und setzt sich den Helm auf.
Was steht auf deiner Löffelliste*?
Hannah: Natürlich habe ich unzählige Radabenteuer geplant. Damit könnten wir eine ganze Seite füllen. (lacht) Aber 2023 wird das Jahr, in dem ich den Segelschein mache. Wir haben das jetzt schwarz auf weiß! Jetzt muss ich ihn wirklich machen!
* Löffelliste (engl. Bucket List, „kick the bucket“, dt. etwa „den Löffel abgeben“, daher deutsch auch Löffelliste genannt) steht für: eine Liste mit Dingen, die man im restlichen Leben gerne noch tun oder erreichen möchte
Hast du neben dem Radfahren ein anderes Hobby?
Hannah: Wider Erwarten habe ich neben Arbeit, Studium und Radfahren noch ein bisschen Freizeit. (lacht) Dann gehe ich unglaublich gern auf Konzerte. Die Atmosphäre eines Live-Konzerts, mit einem Bier in der Hand in der Menge stehend, Freunde treffen – das macht extrem viel Spaß!
Hat es in letzter Zeit Konzert-Highlights gegeben?
Hannah: Ein richtiges Highlight war das „Picture On“-Festival im südburgenländischen Ort Bildein. Das ist ein ganz kleines Festival mit bunt gemischten Bands. Von Punk über Hip-Hop bis zu Singer-Songwriter ist alles dabei.
Bist du mit dem Rad zum Festival gefahren?
Hannah: Natürlich! Ich bin mit Freunden 180 Kilometer von Wien dorthin geradelt. Eine sehr schöne Strecke. Die Rückfahrt nach drei Tagen Festival hätten wir uns aber ersparen können. (lacht) Aber wir sind in Eisenstadt auf eine Esterházy-Schnitte stehen geblieben. Das war gut und wichtig!
Was waren deine bisher schönsten Radreisen?
Hannah: 2019 bin ich mit anderen woomstern von London nach Paris geradelt. Das war ultra lustig. Wir sind zuerst mit dem Flugzeug nach London geflogen und dann mit den Rädern über Newhaven und Dieppe nach Paris in zwei Tagen.
Weil es uns allen so gut gefallen hat, haben wir das im Oktober 2019 wiederholt: Wir sind mit dem Zug nach Florenz gefahren und haben dort in vier Tagen 400 bis 500 Kilometer durch Italien zurückgelegt. Das hat echt viel Spaß gemacht.
Was schätzt du an deinen Teamkolleg*innen?
Hannah: Die Zusammenarbeit. Wir haben einen Fokus bei der Arbeit, aber gleichzeitig kommt der Spaß nicht zu kurz. Jeder schaut aufs Team und denkt andere Bereiche mit.
Wie würdest du den Führungsstil bei woom beschreiben?
Hannah: Unabhängig von der Managementebene begegnet man sich auf Augenhöhe. Bei woom sind alle per Du. Inputs werden geschätzt, es gibt eine offene Feedbackkultur. Meine Führungskräfte sehe ich daher als Teil meines Teams.
Welche Eigenschaften sollte man als zukünftiger woomster unbedingt mitbringen?
Hannah: Begeisterung fürs Rennradfahren! Und gute Wadeln! (lacht) Scherz beiseite, ein bisschen Schmäh, Hausverstand und Spaß bei der Arbeit. Und wenn der- oder diejenige dann auch noch gern Rad fährt: perfekt.
Beim Radfahren macht Hannah spannende Bekanntschaften – auch tierische.
Mit welcher berühmten Persönlichkeit würdest du gerne eine Radtour machen? Und wohin?
Hannah: Ich würde gerne mit Michael Strasser* everesten. Beim Everesting fährt man einen Berg so oft rauf und runter, bis man auf die Höhe des Mount Everest kommt, also rund 9.000 Höhenmeter. In Wien könnte man zum Beispiel den Exelberg 43 Mal hochfahren.
*Österreichischer Extremsportler